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Sexualität wieder neu beleben.

Sexualität wieder neu beleben.

So belebt ihr eure Sexualität wieder neu

Blogartikel im Internet sprechen von „sich einfach mal wieder drauf einlassen“ oder dem klassischen „Man braucht Zeit zu zweit, so eine Datenight mit Babysitter wird es richten“, wenn es darum geht, die klassische Flaute im Bett zu beheben. Gleichzeitig sind meiner Meinung nach noch ganz andere hartnäckige Dynamiken ein großer Teil des Problems. In diesem Artikel zeige dir also meine Perspektive auf diese Dynamiken und verrate dir, welche (alltagstauglichen!) Lösungsansätze euch vielleicht weiterhelfen können.

Warum Sexualität aufhört.

Ein Teil von sexueller Aktivität wird hormonell beeinflusst und ist in der ersten Phase der Verliebtheit (unterschiedliche Angaben, die meisten Quellen sagen zwischen 3 und 18 Monaten) gesteuert von den Glückshormonen und anderen Stoffwechselgeschichten. Ebbt das ab, nimmt im Durchschnitt auch die Menge von Sex ab, die Paare haben.

Die weltberühmte Paartherapeutin Ester Perel ergänzt dazu, dass Erotik Distanz, Abenteuer und Aufregung braucht – also genau das Gegenteil von der Sicherheit und der Geborgenheit, die sich in einer längeren Beziehung im besten Fall einstellt.

Ich bin sicher, dass ein Teil der Gründe für abebbenden Sex in diesen Aspekten liegt. Gleichzeitig ist meine persönliche Perspektive, dass es mehr sind als Hormone und Gewöhnung, die zum langsamen Ausschleichen von sexueller Interaktion führt. In dieser Perspektive liegt auch eine größere Handhabe: Schließlich kann ich gegen meinen Hormonhaushalt oder die Tatsache, dass wir beispielsweise beim Zusammenleben eine recht große Nähe erleben, erstmal wenig tun. (Wenn auch nicht gar nichts, aber ihr wisst, was ich meine).

Für mich liegt das Schwinden von Sexualität in einer Beziehung zum einen in der anerzogenen Sprachlosigkeit (die wenigsten von uns haben gelernt, entspannt und schamfrei über sexuelle Wünsche und spontanes Gefallen zu reden).

Und zum anderen ist in vielen Beziehungen weniger werdende Sexualität oft ein unbewusst gut gemeinter Gefallen an der Beziehung – dann nämlich, wenn intime Situationen zu Unsicherheit und Irritation führen. Ein Teil in uns ist dort der Meinung, dass es für die Beziehung besser sei, diesen Situationen aus dem Weg zu gehen anstatt zu riskieren, dass wir einen Konflikt produzieren, der unsere Verbindung belastet.

Im Klartext: wir schämen uns in intimen Situationen, sind peinlich berührt, fühlen uns unwohl mit unserem Körper, mögen bestimmte Berührungen oder Praktiken vielleicht gar nicht so gern, wissen nicht, wie wir unsere Wünsche mitteilen können, fühlen uns unter Druck gesetzt. Nicht unbedingt eine Situation, die wir möglichst oft aufsuchen und erleben wollen. 🙈

Ein Vermeidungsverhalten an diesen Stellen zu entwickeln, kann also eine sehr nachvollziehbare Reaktion sein – die jedoch der Beziehung und auch dem eigenen Wohlbefinden abträglich sein kann. Aber warum ist das ein Problem?

Warum Sexualität so schmerzlich fehlt.

Abgesehen von der körperlichen Seite (Orgasmen haben verschiedene positive Einflüsse auf unsere psychische und physische Gesundheit), ist fehlende Sexualität nicht selten auch eine echte Belastung für die Beziehung.

Körperliche Intimität und Sexualität stellen einen Raum dar, in dem wir uns wahrhaftig begegnen können – wenn es uns gelingt, uns für einander zu öffnen. In keinem anderen Moment sind wir einander so nah und so verbunden wie in der körperlichen Vereinigung (was nicht zwingend pentrativen Sex meinen muss).

Aber Nacktheit in einem körperlichen Sinne bedeutet fast automatisch auch eine größere emotionale Empfindsam- und Verletzlichkeit. Auf der einen Seite spüren wir die Gegenwart des anderen besonders intensiv – und auf der anderen Seite treffen uns Kränkungen und Gefühle von Ungenügen ebenfalls deutlich stärker als in angezogenem Zustand.

(Kurze Anekdote: ich habe in einer meiner früheren Beziehung das Gesprächs-T-Shirt etabliert. Immer, wenn die Gespräche nach dem Sex eine gewisse Ernsthaftigkeit oder unsichere Bereiche erreicht haben, habe ich um eine Gesprächspause gebeten, um mir fix was überzuziehen. Ein bisschen lustig, weil es eigentlich ja egal ist – aber eben dann halt doch nicht. Fühlte mich geschützter und souveräner und eben nicht so verletzlich. Kann das nur empfehlen ;))

 

Jenseits von der stärkeren Verletzlichkeit, der wir durch unterbundende Sexualität auch aus dem Weg zu gehen versuchen, fehlt uns bei der typischen Flaute im Bett auch der direkteste Kommunikationskanal für Gefühle von Verbundenheit, Nähe und Geborgenheit. Klar kann und wird emotionale Verbundenheit auch auf 1000 anderen Wegen kommuniziert, aber im gemeinsamen intimen Raum ist der Weg einfach am kürzesten.

Und auch, wenn das ein wenig esoterisch klingt: ich empfinde gelungene Sexualität (im Sinne von beide fühlen sich wohl und sicher) nicht nur als Lubrikation für die physische Ebene – sondern auch als eine Art Gleitmittel für die Beziehung als solche. Irgendwie wird der Alltag auf eine andere Art und Weise geschmeidig, die Kommunikation profitiert und auch die Flexibilität in der Beziehung nimmt zu. (Muss mich sehr zusammennehmen, um nicht ständig „flutscht besser“ zu schreiben^^).

Soweit die Gründe, warum uns Sexualität in einer Beziehung so schmerzlich fehlen kann, wenn sie gerade nicht oder nur sehr, sehr selten stattfindet (vom guten Gefühl für das eigene Ego mal abgesehen). Jetzt ist die Frage, was man konkret tun kann, um die gemeinsame Sexualität wieder zu beleben…

Wie man Sexualität wiederbelebt.

Apropos Ego: so nährend und wichtig das Gefühl, begehrt zu werden, für unser Ego ist – so schwierig ist es für unser Ego, wenn dieses Gefühl ausbleibt. Nicht begehrenswert zu sein, keine gute Liebhaberin oder kein guter Liebhaber zu sein, zieht unfassbar an unserem Selbstwert. Wir ALLE wollen gut im Bett sein (vorausgesetzt, wir haben generelles Interesse an sexueller Aktivität).

Was das aber genau heißt, gut im Bett zu sein… nun. Das ist entweder sehr ergebnisorientiert (meine Partnerperson kommt zum Höhepunkt), sehr von der Gesellschaft diktiert (ich muss möglichst abwechslungsreich, verwegen oder selbstlos agieren) oder einfach komplett unklar. Bevor du weiterliest, denk doch gerne kurz über diese Frage nach: was bedeutet es für dich, gut im Bett zu sein?

Ein großes Problem an diesem Wunsch in Kombination mit der fehlenden konkreten Vorstellung: Der Eindruck, dass Fragen Versagen bedeutet. Wenn ich nach den Maßstäben der Gesellschaft gut im Bett bin, *weiß* ich ohne Worte, was meinem Gegenüber im Bett gefällt. Lasziv und selbstbewusst ziehe ich aus, drücke die richtigen Knöpfe, treffe die perfekten Stellen und das Ganze endet mit einer zufrieden japsenden Person neben mir, die mich ungläubig und begeistert anschaut.

Zu fragen, was gefällt bzw. ob gefällt, was ich mache? Kommt im Kombipaket mit dem Eindruck, unsicher zu sein, eben nicht genau zu wissen, was zu tun ist – und macht zudem unfassbar verletzlich. Wie beschämend ist es bitte, in dem Moment zu hören „Nee, das ist gerade nicht gut“, „mir gefällt das nicht“ oder „das ist gerade unangenehm“?! Dieses Gefühl von Scham ist ein zuverlässiger Hinweis darauf, dass du den Gedanken verinnerlicht hast, dass du *wissen* müsstest, was die andere Person mag und möchte, um eine gute Liebhaberin oder ein guter Liebhaber zu sein- und dass du ein*e schlechte*r Liebhaber*rin bist, wenn etwas mal nicht gefällt. 

Hier ist es super sinnvoll, diesen Gedanken anzufechten und Stück für Stück zu dekonstruieren. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber dich einfach selbst zu überholen und die Gedanken/Fragen auszusprechen, bevor die Scham dich bremst, kann dabei hilfreich sein. Tipp: stelle die Frage mit dem Gedanken „Wie würden sich diese Worte anhören, wenn ich sie laut ausspreche?“ – und dann höre dir selbst zu, wie du deine Frage formulierst und stellst.

Außerdem hilfreich ist für die Auseinandersetzung mit diesem Schamgefühl der Ansatz, die Frage nach Feedback in nicht-erotischen Kontexten zu üben (geringere Verletzlichkeit, Kleidung als Rüstung, du erinnerst dich). Das könnte zum Beispiel so aussehen: „magst du das gerade, wenn ich deinen Arm streichele? Oder möchtest du das lieber weiter oben/sanfter/mit mehr Druck/…?“.

Auch solche Rückmeldungen zu geben, wenn deine Partnerperson dich nicht-erotisch berührt, kann dabei helfen, diese Art von Feedbackschleifen zu üben. „Oh, das fühlt sich gerade total schön an, wenn du so meinen Nacken küsst“ oder „Halt! Mach das nochmal, bitte – das war total angenehm“. Im zweiten Schritt könntest du auch hier üben, Wünsche nach Veränderung und Variation zu äußern: „Ich mag die Berührung gerade, aber es kribbelt ein bisschen, wenn du auf der einen Stelle bleibst. Magst du mal versuchen, meinen ganzen Rücken zu streicheln statt nur der einen Stelle?“.

Du siehst, worauf ich hinauswill. Alles, was die Kommunikation über Gefallen und (körperliches) Wohlbefinden stärkt, ist super – und füttert auch die wachsende Sicherheit darin, dass weder du noch deine Partnerperson wissen muss, was gemocht wird und in dem Moment gefällt. Und wer weiß, ihr wärt nicht die ersten, die aus einer solchen nicht-erotischen Situation heraus den gemeinsamen Tanz der Erotik wieder aufgenommen hättet.

Für mich bedeutet wohltuende Sexualität, dass jede*r für den eigenen Orgasmus selbst verantwortlich ist.

Ein ganz wichtiger weiterer Punkt in der Entlastung und Wiederbelebung von Sexualität ist der erwartungsfreie Raum. Für mich bedeutet wohltuende Sexualität, dass jede*r für den eigenen Orgasmus selbst verantwortlich ist. Das muss nicht heißen, dass der eigene Orgasmus zwingend in Masturbation stattfindet (auch, wenn das natürlich auch eine sehr valide Möglichkeit ist). Viel mehr bedeutet das, dass mein Gegenüber keinen natürlichen Anspruch darauf hat, dass ich ihm oder ihr zu einem Orgasmus verhelfe.

Darin stecken gleich drei entlastende Gedanken:

1.) ich kann jederzeit aufhören und bin nicht moralisch verpflichtet, irgendwas „zuende zu bringen“.

2.) der andere kann nicht von mir erwarten, dass ich alle Wünsche stumm errate: vielmehr bedeutet Orgasmusverantwortung auch, dass man dem anderen Part alle Informationen zur Verfügung stellt (fester, anders, mehr, weniger, so), die derjenige braucht, um die Chance zu erhalten, tatsächlich einen Orgasmus auszulösen.

3.) Wenn der andere einen Orgasmus möchte oder aus dieser konkreten sexuellen Begegnung erwartet, muss er*sie das kommunizieren. Nicht jeder sexuelle Kontakt muss einen oder mehrere Orgasmen beinhalten. Wie entlastend das ist!

Und ein letzter Punkt (und damit greife ich den Gedanken von Ester Perel nochmal auf): Erotik und Begehren brauchen Luft zum Atmen – und eine Antwort auf die Frage: wann findest du deine Partnerperson begehrenswert? Es ist gut, zu lernen, nochmal wieder genauer hinzusehen und sich die Zeit zu nehmen, die kleinen Dinge zu schätzen, die den anderen attraktiv machen.

Wenn du deine Sexualität also wieder beleben möchtest (es gibt hier natürlich kein Muss!), könntest du die folgenden Dinge im Kopf behalten: stärke dein Selbstbewusstsein, indem du dir klar machst, dass das Bild einer guten Liebhaberin kein realer Erfüllungskatalog ist, sondern die Vorstellung einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Begreife deine und eure Sexualität als spielerische Ausdrucksform eurer emotionalen Verbundenheit, seid neugierig und offen, testet aus, macht forschende Experimente und vergesst nicht, gemeinsam zu lachen. Begreife Sexualität als erwartungsfreien Raum, in dem jede*r für den eigenen Orgasmus selbstverantwortlich ist. 

Und last but not least ein Zitat aus meiner Ausbildung zur Paar- und Sexualberaterin: „Wir wollen nicht zwingend keinen Sex. Wir wollen nur nicht mehr den Sex, den wir haben“. Dieses Zitat lädt mich ein, dir zum Abschluss die folgende Frage zu stellen: welche Art von Sexualität möchtest du eigentlich? Und was steht dir dabei im Weg, sie zu leben?

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3 Replies to “Sexualität wieder neu beleben.”

  1. Hej Peter, vielen Dank fürs Teilen deiner Gedanken- ich verstehe deinen Frust. Die Situation ist mit Sicherheit für niemanden von euch leicht <3
    Es ist ein bisschen mit Rateglück verbunden, ohne weitere Kenntnis eurer genauen Lage Tipps oder Impulse zu geben - aber ich mag es gerne versuchen. Nimm' mit, was für euch passt, den Rest lass' einfach gern liegen, ja?

    Ich stolperte beim Lesen deines Kommentars über den Satz "Sie hat halt einfach keine Lust, braucht das nicht". Wärt ihr bei mir in der Beratung, würde ich da weiter nachhaken: was steckt in diesem "das"? Was genau braucht sie nicht? Was wünscht deine Frau sich stattdessen? Gerade im Gespräch über Sexualität scheuen wir oft eine gewisse Klarheit (siehe Gedanken dazu im Artikel) und sprechen stattdessen über Platzhaltern, von denen wir annehmen, der jeweils andere meint genau das gleiche damit wie wir.
    Meine Erfahrung zeigt jedoch: das ist seltenst der Fall. Ich würde also da mal konkreter ins Gespräch eintauchen: was bedeutet Sex für euch beide? Geht es um Penetration, Befriedigung, Orgasmen, Nacktsein, Entspannung, Fallenlassen, Nähe? Alles oder nichts davon? Um was dann?
    Wenn ihr diese Frage ein wenig genauer beantworten könnt und somit deutlicher wird, was dir eigentlich *konkret* fehlt und was deine Frau *konkret* nicht "braucht", eröffnet sich vielleicht ein neuer Gesprächszweig über die Schnittmengen, mögliche Win-win-Lösungen oder auch über denkbare Alternativen.
    Und ein letzter Gedanke: Frauen (tm) vermeiden Sexualität oft dann, wenn sie das Gefühl haben, dass sie etwas geben, statt etwas zu bekommen. Das muss natürlich überhaupt nicht auf euch zutreffen, aber vielleicht hilft dir der Gedanke ja doch ein wenig weiter. Der bringt dich nämlich ggf. zurück in eine Position der Handlungsfähigkeit (vs. die Position der Ohnmacht, in der du gerade steckst). That said: ein Nein ist natürlich eine Grenze, die respektiert werden muss - aber das sage ich nicht für dich (du strahlst sehr aus, dass du das genau so lebst), sondern um Missverständnissen vorzubeugen.

    So oder so: ich wünsche euch alles Gute und einen guten gemeinsamen Weg!
    Nadine

  2. Und es ist halt auch nicht nur Sex, sie braucht/will gar keine Nähe. Mit unseren Kind (7) kuschelt sie natürlich schon, aber mit mir braucht/will sie es nicht. Sie war aber auch noch nie die größte Kuschlerin.

  3. Hmm, ja, klingt ja alles ganz gut, aber meine Frau hat halt einfach keine Lust auf Sex, ist ihr zu anstrengend und zu aufwendig. So empfindet sie das, obwohl ich keinerlei Ansprüche stelle. Sie hat halt einfach keine Lust, braucht das nicht. Habe ihr schon alles Mögliche vorgeschlagen, dass sie es so einfach, bequem wie möglich hat. Sie weiß auch, dass sie sich bei mir für nichts schämen muss nach 12 Jahren Beziehung. Und wir kommen auch hervorragend miteinander klar und reden auch viel.
    Aber beim Thema Sex sagt sie einfach sie möchte nicht, dass es ihr überhaupt nicht wichtig und sie hätte keine Lust.

    Ist natürlich okay für mich, ich will ihr ja auch Raum lassen, aber ich hätte halt gerne mehr. Und wenn ich das so betone fühlt sie sich schlecht. Deshalb stecke ich halt sehr zurück und versuche sie wirklich so wenig wie möglich unter Druck zu setzen. Aber es ist halt immer auch sehr schwer für mich.
    Ich weiß einfach nicht was ich machen soll. Habe auch niemanden mit dem ich über sowas reden kann. Vermutlich finde ich mich einfach damit ab, keinen Sex (oder maximal einmal in Jahr) mehr zu haben.

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